Volksstimme-Debatte über PartnerInnenschaften: Traut Euch! (Archiv / 2001)

Sonntag, 14. Januar 2007 @ 13:30

In der (damaligen) Wochenzeitschrift Volksstimme lief über mehre Wochen eine Debatte über eingetragene PartnerInnenschaften für gleichgeschlechtliche Paare. Hier der Beitrag von Helga Pankratz, Autorin, Journalistin und Obfrau des Vereins Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien
Traut Euch!

"Mich stört an der laufenden Debatte vor allem die sozial-romantisierende Dimension, in die sie zeitweilig abdriftet."
Von Helga Pankratz

Vor rund 150 Jahren war die "Ehelosigkeit des Proletariers" noch ein durchgängiges soziales Phänomen. Die "Bürgerliche Ehe" war für eben jene reserviert, die sich die "Gründung eines Hausstandes" leisten konnten. Die Möglichkeit zur Eheschließung für so gut wie alle sozialen Schichten hat sich im Lauf des 20. Jahrhunderts rasant entwickelt. Und mit der politischen "Einbürgerung" des Proletariats im Sinne von Bürger-Rechten ist die allgemein bekannte "Verbürgerlichung" der ArbeiterInnen einher gegangen. In der Rolle der "Les Miserables" von heute werden Lesben und Schwule nun als sexuelle DissidentInnen idealisiert. Und ihr Wunsch, nicht länger in der miserablen Position zu verharren, wird ihnen als Verrat an diesem Ideal krumm genommen.

Ich meine: so viel und so wenig wie Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch das ihnen zugestandene Wahlrecht "von Macht korrumpiert" wurden, so viel oder wenig werden Lesben und Schwule wohl durch eine ihnen zugestandene "Ehefähigkeit" im 21. Jahrhundert gezähmt und gegängelt werden. Außerdem ist mir die Ausdehnung des Rechts auf Ehe auf diese bislang ausgegrenzt gewesene Gruppe nicht ernsthaft vorstellbar ohne auflockernde Auswirkungen auf den traditionellen Ehe- und Familienbegriff.

Wer sich die Forderungen der Petition "Gleich viel Recht für gleich viel Liebe" -- die Homosexuellenorganisationen aus ganz Österreich im Mai 2001 an das Parlament übergeben haben -- genauer anschaut, wird sehen, dass es dabei nicht nur um die "Registrierte PartnerInnenschaft" geht. Die Forderungen der Petition lauten:

* Zugang für gleichgeschlechtliche Paare zu allen Rechten und Pflichten der Ehe

* Gleichstellung verschieden- und gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften ohne Trauschein

* Gleichzeitig zügige rechtliche Fortentwicklung von Ehe und Lebensgemeinschaften an den Grundsätzen der persönlichen Selbstbestimmung, der PartnerInnenschaftlichkeit und der Gleichbehandlung.

Diesem Forderungspaket bringe ich als Frau von unten nach oben gewichtete Sympathie entgegen und fände eine "Aufschnürung" des Paketes höchst bedenklich.

Private Verträge, wie sie die Notariatskammer diesen Sommer in die Debatte einbrachte, sind "gut und schön" aber viel zu wenig! Individuelle Regelungen für all jene Paare, die es sich leisten und richten können, sind kein Ersatz für eine befriedigende umfassende kollektive Regelung und können dem Staat die Verantwortung nicht abnehmen, klar Position zu beziehen.

Die Diskussion um die "Homo-Ehe" ist ja keineswegs neu. Das "Recht auf Eheschließung" ist schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Ersten Deutschen Homosexuellenbewegung ernsthaft diskutiert und gefordert worden. Seit Ende der 80er Jahre fordert die HOSI Wien die volle rechtliche Gleichstellung und Anerkennung gleichgeschlechtlicher PartnerInnenschaften in Österreich. Seit 1989 haben nicht weniger als neun EU-Länder entsprechende Regelungen eingeführt. Die Liberalisierung des gesellschaftlichen Klimas ist in Europa generell so weit fortgeschritten, dass für die AktivistInnen der Homosexuellenbewegung eine "Zeit der Ernte" angebrochen ist.

Problematisch ist gerade in Österreich die Koinzidenz dieser fortschrittlichen Erntezeit mit der politischen Eiszeit in Folge des Rechtsrucks. Die verengte Perspektive der reaktionären Geschlechter- und Familienpolitik trifft hier mit der integrativen und begriffserweiternden Intention hinter der Forderung nach "Homo-Ehe" zusammen. Die Abschaffung des Frauenministeriums, das Aushungern autonomer Frauenräume sind ebenso "treffsichere" Schläge ins Gesicht der lesbischen Frauen wie "Gemeinsame Obsorge", "Kindergeld", Pensionsantrittsalter und vieles mehr.

Wenn einzelne konservative PolitikerInnen nun die "bürgerliche Respektabilität der Homosexuellen" entdecken, so sehe ich darin vor allem ein Zeichen für die Brüchigkeit traditioneller Wertvorstellungen und für den Siegeszug des Populismus und (noch) keine kritiklose Umarmung zwischen Rosa und SchwarzBlau.

Sich (eheähnlich) zu "trauen" heißt im schwul-lesbischen Kontext de facto noch allemal auch: den Mut und einen unbeugsamen Willen aufzubringen, öffentlich zu einer nicht heteronormativen Liebesbeziehung zu stehen. Es heißt: auf der Gleichwertigkeit und Gleichrangigkeit der eigenen Lebensform mit heterosexuellen Beziehungen zu bestehen. Da ist es nur konsequent, mit der Forderung nach "gleich viel Recht für gleich viel Liebe" vor Ehe und Familie, der "heiligen Kuh" des bürgerlichen heterozentrischen Patrirachats, nicht Halt zu machen.

Helga Pankratz ist Autorin, Journalistin und Obfrau des Vereins Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien



Red:out! KPÖ
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