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Queer - Perverse Freundinnen, Hits und Foucault als Mädchen auf einem weissen Pferd (Archiv / 2000)

ArchivÜber den Begriff "queer", seine Geschichte und Verwendung
von Renèe Winter

Es ist m. E. problematisch eine stringente Entstehungsgeschichte der queer studies bzw. theory bzw. politics zu rekonstruieren, da der Begriff queer einen Anspruch auf Zeitbedingtheit und Unbestimmtheit signalisieren soll.
Als der Entstehungsort eines queer movement wird immer wieder auf die Lesben- und Schwulenbewegung der USA der 80er hingewiesen, die nach (neuen) Möglichkeiten und Strategien suchte, der mit dem Aufkommen einer öffentlichen Diskussion über AIDS wiedererstarkten Homophobie etwas entgegenzusetzen. (vgl. z.B. Tuntentinte: 4)
Ausschlaggebend für die queer theory sind demnach Ansätze der Lesbian and Gay Studies, der feministischen Forschung und der postmodernen bzw. -strukturalistischen Theorien. Zusammengefasst und vereinfacht liesse sich sagen: Aus einer Politik der Konstruktion positiver Identitäten (u.a. lesbisch-sein als feministische, politische Praxis) und der Kritik daran (am - einheitlichen - Subjekt, an der - einheitlichen - Identität, dem teilweise inhärenten Essentialismus), entstand der durch Aneignung gefundene und durch Vorläufigkeit und Unbestimmtheit geprägte Begriff queer.

Zentrale Punkte bei der Konstruktion einer positiven lesbischen Identität waren das von den Radicalesbians publizierte, beim "Second Congress to Unite Women" 1970 zirkulierende Positionspapier "The Woman-Identified Woman" (vgl. Straayer: 151f.) sowie Adrienne Richs "Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz" (1980). Subversion, politisches, feministisches Handeln lag im Lesbisch-Sein, was Rich zufolge jede Frau ist, sie muss es nur erkennen. (vgl. Rich: 160) (1)
Roswitha Hofmann verweist auf Foucault, der beschrieb, wie im 19. Jahrhundert die "Illusion eines menschlichen Begehrens, das das biologische Geschlecht, das soziale Geschlecht , die Phantasiewelt eines Menschen und letztendlich den sexuellen Akt zwischen gegengeschlechtlichen PartnerInnen konsistent in einer dualen Identitätskonstruktion vereint" (Hofmann: 108) geschaffen wurde. Mit der Dekonstruktion des Subjekts, dessen Position ja auch nur durch Diskurse hervorgebracht wird, (was jedoch "nicht bedeutet, daß es keine Personen mehr gibt, die handeln können" Graw: 170), der Kritik an der Vorstellung einer einheitlichen, kohärenten, jederzeit stabilen, einzigen Identität, sowie dem In-Frage-Stellen von Kategorien wie "die Lesbe", "der Schwule", "die Frau", "der Mann", ... - angeregt u.a. durch die Feststellung Schwarzer Feministinnen, dass mit einer "universalen" Kategorie "Frau" ja wohl nur weisse Mittelstandsfrauen gemeint sind - kam der Begriff queer auf. (2)

Der Begriff queer ist eine Aneignung, die selbst oftmals kritisiert wird. Queer ist (war?) im englischsprachigen Raum eine negativ konnotierte Bezeichnung Lesben und Schwuler. Auf diese Bezug nehmend gibt es die Diskussion um das Prinzip der Aneignung an sich - bzw. wie weit sie gehen soll (3) - , währenddessen es, den deutschsprachigen Raum betreffend, Antke Engel bedenklich erscheint, "daß die hiesige Aneignung nicht darüber funktioniert, den Begriff seiner Diskriminierungsfunktion zu entreißen, sondern ihn aus einem subkulturellen Kontext zu importieren, wo er als Garant einer progressiven Haltung und Politik fungiert." Engel schlägt demzufolge vor, statt queer "pervers" zu verwenden, um "eine deutschsprachige heterosexistische Normalität zu provozieren" (Engel: 85), was wesentlich schwieriger zu übersehen/hören wäre: "Warum nicht im nächsten Semester ein Seminar "Perverse Theorie" anbieten? Oder eine Postkarte: ´Liebe Oma! Ich würde gerne einige Tage mit meiner perversen Freundin bei dir auf dem Land verbringen.´" (Engel: 85f.)

Queer theory geht von Geschlecht (sex) als einer Anweisung aus, "die niemals ganz erwartungsgemäß ausgeführt wird, deren Adressat das Ideal niemals völlig ausfüllt, dem er/sie sich gezwungenermaßen annähert." (Butler: 317), sowie von gender als immer auch von der Rezeption von anderen abhängig (4) und von Hetero-/Homosexualität als konstruierter binärer Opposition.
Queer sind demnach alle, die sich diesen binären Kategorien von sex, gender, Sexualität und Begehren nicht zugehörig fühlen (wollen). Butler leugnet nicht die politische Notwendigkeit von Identitäten (5), spricht aber deren inhärente Machtverhältnisse an. So haben Identitäten ausschliessenden Charakter (Butler: 312), und produzieren automatisch Polaritäten. (6) Ausgehend davon besteht eine Möglichkeit der Politik in Gayatri Spivaks Vorschlag des "strategischen Essentialismus" (7), dessen Anwendung aber immer wieder neu diskutiert werden muss. (vgl. z.B. Breger: 78)

Eine häufig vorgebrachte Kritik an queer theory bzw. politics ist, dass FrauenLesben, durch die Subsummierung unter das label queer, wieder unsichtbar gemacht würden - dass es einen "´Verlust von Spezifität´" gibt (Grosz, zitiert nach Breger: 88) -, oder wie Walters - deren Text mit "Queer theory ist derzeit der abolute Hit." beginnt - es ausdrückt, "daß das Subjekt und mit ihm die Möglichkeit politischer Einflußnahme ausgerechnet zu einem Zeitpunkt voreilig über Bord geworfen wurde, als Frauen gerade begannen, sie für sich in Anspruch zu nehmen." (Walters: 248)
Unter Anerkennung, dass mit queer "wichtige politische Allianzen (z.B. zwischen verschieden diskriminierten Gruppen)" (Hofmann: 114) möglich sind, stellt sich das Problem, inwiefern diese Allianzen überhaupt gewünscht sind. So kritisiert Walters: "Könnte dieser Logik zufolge die Kategorie queer nicht auch Praktiker von Pädophilie und Inzest, heterosexuelle S/M, unzufriedene Heterosexuelle etc. miteinschließen?" (Walters: 247) (8); bzw. dass nunmehr "ein unfaires Bild vom Feminismus" gezeichnet würde, dass dann ungefähr so aussehen würde: "Es war einmal eine Gruppe von besonders langweiligen, häßlichen Frauen, die nie Sex hatten [...] Dann tauchten dankenswerterweise diese Typen (die Foucault, Derrida und Lacan hießen?) auf, als Mädchen verkleidet, und kamen auf sehr großen weißen Pferden angeritten. Die bescheinigten den dummen Frauen, daß sie politisch korrekte, rigide, frigide, Sex-verachtende, prüde alte Jungfern wären, die einfach nicht genug davon bekommen hätten - im übrigen wäre alles ohnehin nur ein Spiel mit Worten und Bildern, alles drehe sich um Mimikry und Maskerade, alles wäre nur eine große Zeichen-Kakophonie, die zum Nichts führe [...], weil Geschlecht sowieso immer nur eine darstellerische Realisierung (performance) wäre, ein Kostüm, in das man schlüpft und das man in der drag performance falsch herum anzöge. [...]" (Walters: 253f.)
Walters kritisiert weiters, ausgehend von der Tatsache, dass queer theory auf Universitäten oftmals von weissen heterosexuellen Männern und Frauen gelehrt wird, dass unterschiedliche Positionen (Lesbe vs. heterosexueller Mann), die unterschiedlichen Risiken, die unterschiedliche Macht, bzw. -losigkeit, der "Ort von dem aus wir sprechen" und damit die "politische Dimension der Erfahrung verlorengeht." (Walters: 250)

Queer theory hat (innerhalb vorgeblich homogener Gruppen) Differenzen aufgezeigt, mit der gleichzeitigen Forderung nach dem, was, so abgedroschen, Bündnispolitik heisst. Mit der Infragestellung jeglicher Differenzen als natur/gegeben, allerdings unter Berücksichtigung von jetzt real existierenden Differenzen und Erfahrungen, lässt sich ebenfalls viel anfangen, denn: "Eine Theorie, die das Geschlecht als ´soziale Konstruktion´ begreift, lähmt nicht notwendig feministische Initiativen." (Graw: 175)


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(1) Das Rechtschreib-Programm von MS-Word 6.0/95 kennt zwar das Wort Homosexualität, der Begriff Heterosexualität scheint den MacherInnen jedoch noch nicht untergekommen zu sein.
(2) zur Identität vgl. Hofmanns Anmerkungen zu den sog. sex-debates: "Vor allem die Verärgerung vieler lesbischer Frauen über die rigorosen Identitäts-Normen innerhalb der Szene, ihr Gefühl, innerhalb der Ausgegrenzten nochmals ausgegrenzt zu sein, führte zur Einforderung der sexuellen Selbstbestimmung jenseits der feministischen Standpunkte der 70er Jahre", sie spricht hier u.a. von den "starren lesbisch/schwulen Identitätskonstrukte[n]" (Hofmann: 114)
(3) vgl. z.B. Butler: 307, die die Fragen stellt: "Kann der Begriff die für ihn konstitutive Geschichte der Verletzung überwinden? Stellt er den diskursiven Anlaß für eine starke und überzeugende Phantasie historischer Wiedergutmachung dar? Wann und wie wird ein Ausdruck wie ´queer´ zum Gegenstand einer bejahenden Resignifikation, während ein Ausdruck wie ´nigger´ trotz einiger neuerer Versuche der Wiedergewinnung nur dazu fähig erscheint, dessen Schmerz erneut einzuschreiben?"
(4) vgl. Straayer, die sich u.a. mit dem Video Juggling Gender (Tami Gold, USA, 1992), ein Portrait von Jennifer Miller, einer Lesbe, der mit 17 Jahren ein Bart wuchs, auseinandersetzt und durch die Blicke der anderen auf sie ("Their gaze is her gender mirror." S. 152) zu dem Schluss kommt: "Rather than a root of oneself, gender formation is constantly in process via interaction with others." (Straayer: 150)
(5) vgl. Butler: 314: "In diesem Sinne bleibt es politisch unverzichtbar, auf die Begriffe ´Frauen´, ´queer´, ´schwul´ und ´lesbisch´ Anspruch zu erheben, und zwar genau der Form wegen, in der sie sozusagen Anspruch auf uns erheben, bevor wir ganz darum wissen."
(6) vgl. Butler (in: Grenzen lesbischer Identitäten: 19) wo sie ausgehend von der Feststellung, dass "als Lesbe zu schreiben" ein "paradoxer Auftritt" bzw. eine "Inszenierung" einer Zugehörigkeit zu einer Identität wäre meint: "´out´zu sein hängt immer in gewisser Weise damit zusammen, ´in´ zu sein; es gewinnt seine Bedeutung nur innerhalb dieser Polarität. Daher muß das ´Out-Sein´ das ´Closet´ ständig neu produzieren, um sich als ´out´ zu behaupten."
(7) siehe z.B. http://www.emory.edu/ENGLISH/Bahri/Glossary.html (à Glossar zu Schlüsselbegriffen Spivaks): "Essentialism is like dynamite, or a powerful drug: judiciously applied, it can be effective in dismantling unwanted structures or alleviating suffering; uncritically employed, however, it is destructive and addictive." Spivak wird zitiert, die den Begriff beschreibt als: "´a strategic use of positivist essentialism in a scrupulously visible political interest´"
(8) Walters verweist hier auf die Diskussion, die die NAMBLA (North-American Man-Boy Love Association) in der Lesben- und Schwulenbewegung ausgelöst hat.


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Literatur:

# Breger Claudia: >Gekreuzt< und queer. Überlegungen zur Rekonzeptualisierung von gender, Ethnizität Sexualität, in: Röttger, Paul: Differenzen, 1999, 66-85.
# Butler Judith: Sexuelle Praxis und der Wandel lesbischer Identitäten, in: Hark Sabine (Hg.in): Grenzen lesbischer Identitäten (Berlin, 1996) 38-72.
# Butler Judith: Körper von Gewicht (orig: Bodies that Matter, NY/London, 1993; dt. Ausgabe: Frankfurt/Main, 1997); insbesondere Kapitel 8: Auf kritische Weise queer (305-332.)
# Engel Antke: Verqueeres Begehren, in: Hark, Grenzen, 1996, 73-95.
# Graw Isabelle: Für Theorie, in: Martin Hoffmann (Hg.er): SubversionsReader. Texte zu Politik und Kultur (Berlin, 1998) 167-177.
# Hofmann Roswitha: Homophobie und Identität I: Que(e)r Theory, in: Hey Barbara, Pallier Ronald, Roth Roswith (Hg.Innen): Que(e)rdenken. Weibliche/männliche Homosexualität und Wissenschaft (Innsbruck, 1997) 105-118.
# Institut zu Verzögerung & Beschleunigung der Zeit, radi.OA.ton (Hg.In): Tuntentinte Nr. 16 (Queer), März 1999
# Rich Adrienne: Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz (orig. 1980), z.B. in: Dagmar Schulz (Hg.in): Audre Lorde, Adrienne Rich. Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte (Berlin, 1993) 138-168.
# Straayer Chris: Transgender Mirrors: Queering Sexual Difference, in: Duberman Martin (Hg.er): Queer representations: Reading Lives, Reading Cultures, A Center for Lesbian and Gay Studies Book (London/NY, 1997) 146-161.
# Walters Suzanna Danuta: Von hier nach queer. Feminismus, Identität, Nation, in: Kossek Brigitte (Hg.in): Gegen-Rassismen. Konstruktionen Interaktionen Interventionen (Hamburg/Berlin, 1999) 242-266.

Internet:
# http://www.theory.org.uk/ctr-quee.htm
(ausführliche queer-sub-site der auch sehr schönen theory-org-site)
# http://www.english.udel.edu/gweight/prof/web/queer/
(nennt sich queerwideweb, viel Text und viele Links)
# http://www.whk.org/gigi/
(gigi - Zeitschrift für sexuelle Emanzipation)
# http://www.uic.edu/depts/quic/resources/queers_of_color.html
(nennt sich "queers of color net ressources", was zum herumsurfen)
# http//www.worsethanqueer.com
(oft upgedatetes e-zine von Mimi Nguyen, USA)
# http://www.erraticimpact.com/~lgbt/
(literatursuchmaschine à in kooperation mit amazon.com ß zu lesbian, gay, bisexual and transgender studies)
# http://www.tao.ca/~queerrevolt/queerrevolt.html
("queer revolt ... is an Anti-Authoritarian Direct Action Grassroots
Political Organization")

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