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Volksstimme-Debatte über PartnerInnenschaften: Aktion Standesamt (Archiv / 2001)

ArchivIn der (damaligen) Wochenzeitschrift Volksstimme lief über mehre Wochen eine Debatte über eingetragene PartnerInnenschaften für gleichgeschlechtliche Paare. Hier der Beitrag von Vina Yun, Redakteurin bei "Nylon" und "Malmoe"

Aktion Standesamt

Soll Spießbürgerlichkeit fortan auch für Lesben und Schwule da sein? Vina Yun kritisiert die herrschende Debatte um die "Homo-Ehe".

"Wir wollen Familie und Verantwortungsbereitschaft fördern. [...] Wir unterstützen Menschen, die auf Dauer füreinander stehen." Diese Worte stammen nicht etwa von konservativen PolitikerInnen, die angesichts der Krise der bürgerlichen Familienordnung und in Zeiten zunehmender Scheidungsraten wieder einmal um die Erhaltung traditioneller Werte ringen. Vielmehr rührt hier Volker Beck, grüner Abgeordneter zum deutschen Bundestag, die angestaubte Werbetrommel für das lesbisch-schwule Lebensglück per Trauschein, das unter dem etwas irreführenden Begriff der "Homo-Ehe" in Nachrichten und Talkshows Einzug gehalten hat.

Allerdings: Nicht immer, wo "Homo-Ehe" drauf steht, ist auch eine tatsächliche Eheschließung drin. "Ganz normal" heiraten können Lesben und Schwule nämlich bislang nur in den Niederlanden, seit April dieses Jahres. In allen anderen Staaten mit Homo-Ehe-Aushang handelt es sich in der Regel um eine jeweils unterschiedlich festgelegte Variante der "eingetragenen Lebensgemeinschaft", die, rechtlich gesehen, der bürgerlichen Hetero-Ehe in vielen, aber nicht allen Bereichen gleichgestellt ist (etwa im Steuer- oder Adoptionsrecht). So auch beispielsweise in der BRD, wo sich – unter rot-grünem Koalitionssegen – seit 1. August 2001 lesbische und schwule Paare am Standesamt als "eingetragene Lebenspartnerschaften" registrieren lassen können. Volker Beck & Co. geben sich euphorisch: "Die Zeit der Rechtlosigkeit für schwule und lesbische Paare ist dann endgültig vorbei. Das ist ein großer historischer Durchbruch."

Nach dem Vorbild der "Hamburger Ehe" fordern auch hierzulande die Grünen die "Wiener Ehe" und sogar in Teilen der christlichen ÖVP wird die Bereitschaft zum "Umdenken" signalisiert. Die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule gilt – neben einem Antidiskrimierungsgesetz und der Abschaffung kriminalisierender Gesetzesbestimmungen (in Österreich noch immer Realität: §209) – zunehmend als die zentrale Forderung einer in der Öffentlichkeit homogenisierten lesbisch-schwulen Bewegung.

Tatsächlich aber verlaufen in den Debatten über die Homo-Ehe die Fronten kreuz und quer: Ehe-BefürworterInnen unter den Lesben und Schwulen – nicht immer gewillt selbst zum Traualtar zu schreiten – bekennen sich zur staatlichen Definitionsmacht und rufen als herzeigbare, gezähmte Perverse den Rechtsstaat als "Normalität" herstellende Instanz an: Jede/r muss der Erfüllung des privaten Glücks nachgehen können – es gäbe ein universelles "Menschenrecht auf Ehe" (Zitat Volker Beck). Der Schlüssel zur Pforte ins Paradies heißt: Gleichheit. Das leuchtet auch einigen heterosexuellen Linken ein, die sich nicht blamieren wollen und meinen, der rosa Trauschein sei ein fortschrittliches Projekt: Spießbürgerlichkeit soll fortan für alle da sein.

Aber auch das Lager der Ehe-KritikerInnen kann sich sehen lassen: Da werden – Foucault hin, Butler her – traditionelle Identitätspolitiken reaktiviert und eine per se widerständige lesbisch-schwule-transgender Community konstruiert. Die "heterosexuelle Normalisierung der Homosexualität" soll doch bitte woanders stattfinden. Reale rechtliche Ausschlüsse tun auf der rosa Insel der Seligen nicht weh. Andere gegnerische – vor allem lesbisch-feministische – Stimmen wiederum, die es noch wagen Begriffe wie "Patriarchat" in die Ehediskussion zu werfen, werden als "Hardcore-Politlesben" und lebende Relikte aus den 70ern ausgebuht.

Den "bösen" HeiratsgegnerInnen in den eigenen lesbisch-schwulen Reihen wird vorgeworfen, mit ihrer ablehnenden Haltung konservativen Kräften zuzuspielen: In der Tat befinden sie sich mit ultra-reaktionären Vatikan-Vertretern und rechten PolitikerInnen, die das "göttliche Projekt der Ehe" und die "Keimzelle Ehe und Familie" als Fundament des christlichen Abendlandes dem Untergang geweiht sehen, in fieser Gesellschaft – wenngleich aus freilich völlig entgegengesetzten Motiven.

Ironischerweise hat sich bei näherer Betrachtung der Wunsch nach "Gleichheit" schon längst erfüllt: "Es gibt Lesben und Schwule in der CDU, in der Werbung, in den Führungsetagen und in der Volksmusik", meint etwa "Jungle World"-Autorin Caren Lay. Tatsache. Warum also nicht auch Heirat, Häuschen mit Gartenzwerg und Kinderglück? Die politische Forderung nach Gleichheit greift hier zu kurz – denn es geht auch und vor allem um die Durchsetzung herrschender Lebensmodelle. Das Bemühen, Gleichheit durch rechtliche Gleichstellung herzustellen – nämlich durch Inklusion in das bestehende Recht –, impliziert Normierung und Regulierung: die Institution Ehe und die damit verbundenen traditionellen Lebensentwürfe werden nicht einfach neu definiert, erweitert oder umgedeutet, sondern, ganz im Gegenteil, als tragendes Element der herrschenden Gesellschaftsordnung akzeptiert und bestätigt.

Jenseits eines Ja oder Nein zum "Qualitätssiegel Ehe" könnte eine linke politische Forderung lauten: abschaffen, was Ungleichheit erzeugt, statt sich ihr anzunähern – nämlich die traditionelle Ehe als solche –, bei gleichzeitiger sozialer Absicherung und Gleichstellung aller Lebensgemeinschaften. In einer Gesellschaft, in der Sexualität einen wesentlichen Schauplatz für die Herstellung sozialer Ordnung darstellt, lautet die Devise: Know your enemy. Und das sind, trotz aller berechtigten Kritik, nicht die heiratswilligen Lesben und Schwulen. Vielmehr sollte es heißen: Burn, Heteronormativität, burn.

Vina Yun ist Redakteurin bei "Nylon" und "Malmoe".

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